Hands on · Kapitel 2 von 2
Fall Ole

Das ist eine mögliche Lösung, nicht der einzig richtige Weg. So kann ein sorgfältig begründeter Durchlauf durch den Diagnostik-S aussehen, von der Ausgangslage bis zur Evaluation. Pro Schritt siehst du zuerst die Aufgabe und die fachliche Begründung, warum der Schritt so angelegt ist. Die mögliche Bearbeitung für Ole steht darunter und ist zugeklappt: erst selbst überlegen, dann aufklappen und vergleichen. Andere, ebenso gut begründete Wege sind denkbar. Wichtig: In den Schritten 1 bis 3 wird nur aus der Ausgangslage gearbeitet. Die Testbefunde tauchen bewusst erst ab Schritt 5 auf, damit die Hypothesen nicht rückwärts aus den Werten gebildet werden.
Der Fall
Ole, 10 Jahre · 3. Klasse
Ole ist zehn Jahre alt, besucht die dritte Klasse und zeigt seit einiger Zeit Schwierigkeiten im schulischen sowie im sozial-emotionalen Bereich.
Mathematische Schwierigkeiten: Es fällt Ole schwer, grundlegende Konzepte zu verstehen und anzuwenden; er verliert „den roten Faden" und hat Probleme, Zusammenhänge zwischen Zahlen zu erkennen und logische Schlüsse zu ziehen. Bei neuen Aufgaben und Rechenstrategien zeigt sich ein starkes Defizit mit wiederholten Fehlern; die Frustration steigt bei Anschlussverlust und mindert seine Motivation. Überfordert ist er vor allem in Stillarbeitsphasen und bei der Einführung neuer Inhalte (hoher Selbstständigkeitsgrad).
Emotionales Erregungspotenzial / aggressives Verhalten: Bei empfundener Überforderung reagiert Ole sehr impulsiv; schon kleine Rückschläge führen zu starker Reizbarkeit. Er wird laut, zeigt aggressive Gesten, wirft Gegenstände und stört Unterricht und Mitschüler.
Verlauf einer Eskalation: Zunächst leises Murmeln oder Stöhnen, dann Stift hinwerfen oder schmollender Rückzug, schließlich lautes Werden mit aggressiven Gesten und ggf. Werfen von Gegenständen. Gelegentlich verlässt er den Platz, läuft umher und beschimpft Mitschüler, wenn er sich ausgelacht fühlt. Die Ausbrüche dauern einige Minuten, klingen abrupt ab und sind oft von Erschöpfung und Scham gefolgt.
Sozial-emotionale Entwicklung: Hohe Sensibilität für Rückmeldungen, geringe Frustrationstoleranz; Misserfolge interpretiert Ole schnell als persönliches Scheitern. Starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit; seine emotionale Stabilität hängt stark von der Klarheit und Unterstützung der Umgebung ab.
Soziale Interaktion: Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen und Konflikte konstruktiv zu lösen. In ruhigen Momenten ist er freundlich und kontaktfreudig; die geringe Frustrationstoleranz führt jedoch zu wiederkehrenden Konflikten mit Gleichaltrigen, vor allem wenn er sich missverstanden oder ausgegrenzt fühlt.
Stärken und Ressourcen: Kreativität und Vorstellungskraft (Geschichten, Zeichnungen); gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis; Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit in vertrauten, sicheren Situationen; Empathie und soziale Sensibilität in kleinen, vertrauten Gruppen und im Umgang mit jüngeren Kindern und Tieren.
Zur Lehrkraft (Kontext): Die Lehrkraft ist neu an der Schule und in der Phase des Beziehungsaufbaus; sie beschreibt sich als unsicher im Umgang mit herausforderndem Verhalten, zeigt aber hohe Empathie, Reflexionsfähigkeit und Engagement. Sie bemüht sich um Struktur (Handzeichen, klare Regeln), führt Nachgespräche und bindet Ole bei kreativen Aufgaben ein. Ihre Reaktionen sind im Kern unterstützend, wirken aber teils inkonsistent (Wechsel zwischen Grenzsetzung und Verständnis; im Krisenmoment ggf. zu viel Erklären und erhöhte Aufmerksamkeit), was das Verhalten ungewollt aufrechterhalten kann.
Diagnostik
1. Ausgangslage
Deine Aufgabe
Halte die wesentlichen Informationen strukturiert fest, getrennt nach Lern- und Arbeitsverhalten, Problemverhalten, sozial-emotionaler Entwicklung und sozialer Interaktion. Trenne dabei Beobachtung von Interpretation und führe Oles Stärken von Anfang an mit.
Warum so?Struktur schützt vor vorschnellem Urteil
Die Bereiche zu trennen zwingt dazu, erst zu beschreiben und noch nicht zu deuten. Wer sofort etikettiert („Ole ist aggressiv"), verengt den Blick und übersieht die Bedingungen des Verhaltens. Die Stärkenliste steht bewusst gleichberechtigt daneben, denn sie ist später der Andockpunkt der Förderung und keine Dekoration.
Aus der PraxisNicht nur die Problemsammlung lesen
Eine typische Falle: die Fallbeschreibung als reine „Problemsammlung" lesen und die Ressourcen überfliegen. Gerade bei herausforderndem Verhalten übersieht man leicht die Stärken. Dabei sind Oles Kreativität, seine Empathie und seine Konzentration in sicheren Situationen genau die Hebel für tragfähige Maßnahmen.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Lern- und Arbeitsverhalten
- Schwer, grundlegende mathematische Konzepte zu verstehen und anzuwenden; verliert „den roten Faden".
- Erkennt Zusammenhänge zwischen Zahlen kaum und zieht selten logische Schlüsse.
- Bei neuen Aufgaben und Rechenstrategien starkes Defizit mit wiederholten Fehlern.
- Besonders überfordert in Stillarbeitsphasen und bei der Einführung neuer Inhalte (hoher Selbstständigkeitsgrad).
Problemverhalten (emotionales Erregungspotenzial)
- Reagiert bei empfundener Überforderung sehr impulsiv; kleine Rückschläge führen zu starker Reizbarkeit.
- Wird laut, zeigt aggressive Gesten, wirft Gegenstände und stört Unterricht und Mitschüler.
- Typischer Eskalationsverlauf: leises Murmeln oder Stöhnen, dann Stift hinwerfen oder schmollender Rückzug, schließlich laut werden mit aggressiven Gesten und ggf. Werfen.
- Ausbrüche dauern einige Minuten, klingen abrupt ab und sind oft von Erschöpfung und Scham gefolgt.
Sozial-emotionale Entwicklung
- Hohe Sensibilität für Rückmeldungen, geringe Frustrationstoleranz.
- Interpretiert Misserfolge schnell als persönliches Scheitern.
- Starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit; emotionale Stabilität hängt stark von Klarheit und Unterstützung der Umgebung ab.
Soziale Interaktion
- Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen und Konflikte konstruktiv zu lösen.
- In ruhigen Momenten freundlich und kontaktfreudig.
- Geringe Frustrationstoleranz führt zu wiederkehrenden Konflikten mit Gleichaltrigen, vor allem bei empfundenem Missverständnis oder Ausgrenzung.
Stärken und Ressourcen
- Kreativität und Vorstellungskraft (Geschichten, Zeichnungen).
- Gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis.
- Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit in vertrauten, sicheren Situationen.
- Empathie und soziale Sensibilität in kleinen, vertrauten Gruppen und im Umgang mit jüngeren Kindern und Tieren.
2. Fragestellungen
Deine Aufgabe
Formuliere diagnostische Fragestellungen in den drei Pflichtbereichen: sozial-emotionale Entwicklung, soziale Interaktion und Verhalten im Kontext einer Störungsform bzw. eines Problemverhaltens. Das Lern- und Arbeitsverhalten kannst du optional ergänzen.
Warum so?Fragestellungen vor den Befunden
Die Fragestellungen entstehen aus der Ausgangslage, bevor Testwerte vorliegen. Sonst formuliert man die Fragen rückwärts passend zu den Ergebnissen und bestätigt nur, was ohnehin schon dasteht. Im Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung stehen die sozial-emotionale Entwicklung, die soziale Interaktion und das Problemverhalten im Zentrum.
Fachlicher HintergrundDie drei Pflichtbereiche
Der Diagnostik-S verlangt Fragestellungen in drei Pflichtbereichen: sozial-emotionale Entwicklung, soziale Interaktion und Verhalten im Kontext einer Störungsform bzw. eines Problemverhaltens. Das Lern- und Arbeitsverhalten ist optional und wird ergänzt, wenn es für den Fall relevant ist, wie hier bei Oles Mathematik.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Sozial-emotionale Entwicklung: (1) Wie ausgeprägt ist Oles schulisches Selbstkonzept? (2) Wie ausgeprägt ist seine Selbstregulationsfähigkeit?
Soziale Interaktion: Wie erlebt Ole seine soziale Integration in der Klasse?
Verhalten / Störungsform: Zeigt Ole reaktiv aggressives Verhalten?
Optional, Lern- und Arbeitsverhalten: Liegen umschriebene Schwierigkeiten im mathematischen Basiskompetenzbereich vor?
3. Hypothesen
Deine Aufgabe
Leite zu jeder Fragestellung mindestens eine überprüfbare (falsifizierbare) Hypothese ab.
Fachlicher HintergrundWarum die Psychologie mit Hypothesen arbeitet
Pädagogisch-psychologische Diagnostik folgt demselben Prinzip wie empirische Forschung: Man formuliert eine Annahme, legt vorher fest, welche Daten sie stützen und welche ihr widersprechen würden, und prüft sie dann an unabhängig erhobenen Daten. Entscheidend ist die Falsifizierbarkeit (Popper): Eine Annahme, die durch kein denkbares Ergebnis widerlegt werden könnte, ist wissenschaftlich wertlos, weil sie immer „stimmt". Ohne diese Selbstbindung greift der Bestätigungsfehler (confirmation bias): Wir suchen und gewichten bevorzugt Informationen, die unseren ersten Eindruck stützen, und übersehen widersprechende. Bei herausforderndem Verhalten ist das besonders folgenreich, weil der erste Eindruck meist negativ ist und sich dann selbst bestätigt. Hypothesen fallen dabei nicht vom Himmel, sie werden aus Theorien und Modellen abgeleitet: Verhaltensanalytische Modelle wie das SORC-Modell (Stimulus, Organismus, Reaktion, Konsequenz) helfen zu verstehen, unter welchen Bedingungen Oles Verhalten auftritt und was es aufrechterhält, und liefern daraus prüfbare Annahmen. Der Unterschied zum Alltagsurteil liegt also nicht darin, dass Fachleute die besseren Vermutungen hätten, sondern darin, dass sie ihre Vermutungen offenlegen und dem Risiko des Scheiterns aussetzen.
Warum so?Was eine gute Hypothese ausmacht
Gute Hypothesen sind konkret, prüfbar (falsifizierbar) und an ein Verfahren anschließbar. „Ole hat Probleme" ist keine Hypothese. „Oles Selbstkonzept ist im sozialen Vergleich unterdurchschnittlich" dagegen schon, denn sie lässt sich mit der SESSKO-Skala „sozial" gezielt überprüfen.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Selbstkonzept: Oles schulisches Selbstkonzept ist im Vergleich zu Gleichaltrigen unterdurchschnittlich stark ausgeprägt.
Emotionale Regulation: Im Vergleich zu Gleichaltrigen zeigt Ole (1) eine geringe Frustrationstoleranz, (2) wenig Lernfreude und (3) wenig Anstrengungsbereitschaft.
Soziale Integration: Ole fühlt sich in der Klasse im Vergleich zu Gleichaltrigen weniger integriert.
4. Verfahren auswählen
Deine Aufgabe
Wähle zu jeder Hypothese ein passendes Verfahren. Das messbare Merkmal muss inhaltlich zur Hypothese passen; kombiniere mehrere Methoden und Perspektiven.
Warum so?Passung Konstrukt ↔ Instrument
Ein Verfahren ist nur so gut wie seine Passung zur Hypothese: Für das Selbstkonzept nimmt man kein allgemeines Angstmaß, sondern die SESSKO-Skala, die genau dieses Konstrukt differenziert erfasst. SESSKO und FEESS ergänzen sich dabei, denn das eine schaut fein aufs Selbstkonzept, das andere breit auf Integration, Klassenklima und Lernmotivation. Fachlich ist das die Frage nach der Validität: Ein Test kann sehr zuverlässig messen und trotzdem das Falsche erfassen, siehe Validität jenseits der Reliabilität.
Fachlicher HintergrundMultimethodalität & Multiperspektivität
Diagnostik stützt sich grundsätzlich auf mehrere Methoden und mehrere Perspektiven. Hier bilden zwei standardisierte Selbstbericht-Fragebögen (SESSKO, FEESS) die Datenbasis; in der Praxis ergänzt man sie sinnvoll durch eine Verhaltensbeobachtung und ein Gespräch mit der Lehrkraft, um auch die Fremdsicht einzubeziehen.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
SESSKO: Skalen zur Erfassung des schulischen Selbstkonzepts (Schöne, Dickhäuser, Spinath & Stiensmeier-Pelster 2002; 2., neu normierte Auflage 2012) → prüft die Hypothese zum schulischen Selbstkonzept.
- Selbstbericht, 22 Items, Bearbeitung in etwa 7 bis 15 Minuten, einzeln oder in der Gruppe. Wichtig für Ole: Normen für die 3. Klasse gibt es erst seit der 2. Auflage, die erste war ab Klasse 4 normiert. Mit der alten Fassung gäbe es für einen Drittklässler keine passende Vergleichsgruppe.
- Erfasst wird das Fähigkeitsselbstkonzept, also Oles kognitive Repräsentation der eigenen schulischen Fähigkeit. Affektive Anteile wie Selbstwertgefühl oder Versagensangst sind bewusst nicht enthalten. Genau diese Schärfe ist der Grund für die Wahl: Die Hypothese lautet „Selbstkonzept unterdurchschnittlich", nicht „Ole fühlt sich schlecht".
- Antwortformat ist ein fünfstufiges semantisches Differential zwischen zwei Polen, etwa „Ich bin für die Schule … nicht begabt / sehr begabt". Für Kinder wurde die Stufenzahl gegenüber der Erwachsenenfassung bewusst reduziert.
- Der eigentliche Gewinn liegt in der Trennung nach vier Bezugsnormen (Heckhausen): kriterial (Vergleich mit den Anforderungen: Schaffe ich, was verlangt wird?), individuell (Vergleich mit mir selbst früher: Werde ich besser?), sozial (Vergleich mit den Mitschülern: Bin ich schlechter als die anderen?) und absolut (Urteil ohne expliziten Vergleich, den drei anderen logisch übergeordnet).
- Damit beantwortet SESSKO nicht nur, ob das Selbstkonzept beeinträchtigt ist, sondern woran es hängt. Das entscheidet über die Maßnahme: Ein Einbruch allein im sozialen Vergleich verlangt Rückmeldung nach individueller Bezugsnorm, ein flächiger Einbruch über alle vier Skalen verweist eher auf die Passung der Anforderungen selbst.
- Entwicklungspsychologisch ist das kein Detail: Jüngere Kinder beurteilen ihre Fähigkeit bevorzugt an der individuellen Bezugsnorm. Ältere Selbstkonzept-Verfahren regen fast ausschließlich soziale Vergleiche an und bilden das Erleben eines Zehnjährigen damit unschärfer ab.
- Testgüte und Normen: interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) .82 bis .88, im Primarbereich .80 bis .86; Prozentränge, T-Werte und T-Wert-Bänder, getrennt für Primarbereich (Klasse 3 und 4) und Sekundarstufe I. Keine geschlechtsspezifischen Normen, weil sich keine bedeutsamen Unterschiede zeigten.
FEESS 3–4: Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen (Rauer & Schuck 2003) → prüft die Hypothesen zur sozialen Integration sowie zu Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft.
- Selbstbericht für das 2. Halbjahr der 3. und 4. Klasse, also passgenau zu Oles Klassenstufe. 90 Items, vierstufig von „stimmt gar nicht" bis „stimmt genau".
- Organisatorisch wichtig: Der FEESS besteht aus zwei Teilfragebögen von je rund 30 Minuten, die an zwei verschiedenen Schultagen vorgelegt werden sollen. TF-SIKS umfasst Selbstkonzept der Schulfähigkeit, Soziale Integration und Klassenklima, TF-SALGA die Schuleinstellung, Anstrengungsbereitschaft, Lernfreude und das Gefühl des Angenommenseins. Das gehört in die Terminplanung.
- Soziale Integration erfasst, ob Ole sich von den Mitschülern als vollwertiges Gruppenmitglied akzeptiert fühlt. Für die Hypothese ist genau diese Innensicht nötig: Die Lehrkraft sieht die Konflikte von außen, aber ob Ole sich ausgeschlossen fühlt, kann nur er selbst beantworten.
- Klassenklima liefert die Umweltbedingung dazu, nämlich ob die Kinder untereinander sympathisch sind und ob wegen Schwächen ausgegrenzt wird. Es trennt „Ole ist nicht integriert" von „die Klasse ist insgesamt ein schwieriges Umfeld". Dieser Unterschied entscheidet, ob die Maßnahme beim Kind oder bei der Gruppe ansetzt.
- Gefühl des Angenommenseins meint ausdrücklich die Lehrkraft-Schüler-Beziehung: ob Ole sich von seinen Lehrkräften akzeptiert, verstanden und unterstützt fühlt. Bei einer neuen Lehrkraft mitten im Beziehungsaufbau, die selbst inkonsistent reagiert, ist das ein unmittelbar förderrelevanter Wert.
- Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft prüfen die motivationale Seite direkt. Liegen sie im Normbereich, sind die entsprechenden Hypothesen zu verwerfen: Oles Verhalten wäre dann kein Motivations-, sondern ein Regulationsproblem, und die Förderung müsste an einer ganz anderen Stelle ansetzen.
- Selbstkonzept der Schulfähigkeit ist eine zweite, unabhängige Quelle zur Selbstkonzept-Hypothese. Konvergieren SESSKO und FEESS hier, ist der Befund deutlich belastbarer als ein Einzelwert.
- Testgüte und Normen: Cronbachs Alpha .74 bis .95, Retest nach vier Wochen .62 bis .80. Prozentränge, T-Werte und Bänder, getrennt für 3. und 4. Klasse, zusätzlich Klassennormen für ganze Lerngruppen. Die Skalen differenzieren besonders im unteren Messbereich, sind also gerade für die Frage nach Förderbedarf gebaut.
Bewusst nicht per Fragebogen geprüft: die Frustrationstoleranz.
- Weder SESSKO noch FEESS messen, wie Ole im Moment der Überforderung reagiert. Diese Hypothese wird auf der Verhaltensebene geprüft: systematische Verhaltensbeobachtung im Mathematikunterricht, Gespräch mit der Lehrkraft, später die Verlaufsmessung per DBR.
- Diese Lücke offen zu benennen gehört zur Verfahrensauswahl dazu. Ein Verfahren zu wählen, das das Konstrukt nur ungefähr trifft, ist schlechter als eine ehrlich markierte Beobachtungsaufgabe.
Wo du solche Verfahren findest: Die vollständige Liste mit Skalen, Altersbereichen, Beobachterperspektiven und Gütekriterien steht in der Diagnostiksuchmaschine. In der Fallarbeit ist sie in Schritt 4 direkt eingebunden, dort suchst und begründest du die Auswahl unmittelbar am Fall.
5. Fallmappe auswerten
Deine Aufgabe
Trage die Werte pro Skala ein, stufe sie ein (auffällig / grenzwertig / unauffällig) und fasse pro Verfahren zusammen.
Fachlicher HintergrundT-Wert-Bänder statt Punktwerte
Ein T-Wert ist eine Schätzung mit Messfehler, deshalb liest man ihn als Band (Konfidenzintervall) und nicht als exakten Punkt. Der Normbereich T 40–60 reicht genau eine Standardabweichung um den Mittelwert (M = 50, SD = 10) und umfasst damit rund zwei Drittel der Vergleichsgruppe. Oles sozialer Selbstkonzeptwert von T 36 liegt mit seinem Band deutlich darunter, das ist ein belastbarer Befund und kein Zufall. Mehr dazu in den Kapiteln Normierung und Bezugsnormen, T-Werte und Prozentränge verstehen und Vom wahren Wert zum Konfidenzintervall. Den Weg vom Rohwert bis zum interpretierten T-Wert kannst du im Hands-on Vom Rohwert zum Normwert einmal komplett selbst durchspielen.
Warum so?Einstufung: auffällig / grenzwertig / unauffällig
Innerhalb des Normbereichs (T 40–60) ist ein Wert unauffällig, am unteren Rand grenzwertig, darunter auffällig. Diese Dreiteilung macht aus einer nackten Zahl eine Entscheidung und zwingt dazu, jede Skala einzeln zu würdigen, statt einen diffusen Gesamteindruck zu bilden. Genau hier lauert allerdings die Scheingenauigkeit: Ein Wert knapp unter der Grenze ist noch nicht sicher „auffällig", solange sein Konfidenzintervall die Grenze überlappt. Warum starre Schwellen trügen, steht in Cut-Off-Werte und Förderentscheidungen.
Aus der PraxisDer eigentliche Hebel
Der auffällig niedrige soziale Selbstkonzeptwert bei gleichzeitig guter Anstrengungsbereitschaft ist der diagnostische Schlüssel: Ole will und kann sich anstrengen, aber der ständige Vergleich mit anderen untergräbt sein Zutrauen. Genau hier setzt später die Förderung an, mit einer individuellen statt einer sozialen Bezugsnorm.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
SESSKO (Normbereich T 40–60): kriterial T 56 (unauffällig), individuell T 53 (unauffällig), sozial T 36 (auffällig), absolut T 41 (unterer Normbereich). Kernbefund: Oles Selbstwahrnehmung ist im sozialen Vergleich deutlich beeinträchtigt, obwohl er sich an den Anforderungen gemessen als kompetent erlebt.
FEESS 3–4 (Normbereich Prozentrang 16–84 ≈ T 40–60): Selbstkonzept der Schulfähigkeit (SK) auffällig niedrig (≈ PR 16 / T 39), Gefühl des Angenommenseins (GA) grenzwertig (≈ PR 31 / T 43); Soziale Integration und Klassenklima unauffällig (≈ T 48); Anstrengungsbereitschaft (T 57) und Lernfreude (T 55) im oberen Normbereich, also klare Ressourcen.
6. Beurteilung
Deine Aufgabe
Prüfe jede Hypothese gegen die Befunde (bestätigt, verworfen oder offen) und halte die zentralen Problembereiche und Stärken fest.
Warum so?Datenlage von Interpretation trennen
Jede Hypothese wird ausdrücklich am Befund gemessen. Auch das Verwerfen ist ein wertvolles Ergebnis. Hier entpuppen sich gleich zwei vermutete Schwächen (wenig Lernfreude, wenig Anstrengungsbereitschaft) als Stärken: Die Fragebogenwerte widersprechen dem ersten Eindruck aus der Ausgangslage. Genau dafür ist Diagnostik da, nämlich Annahmen zu prüfen statt sie zu bestätigen.
Aus der PraxisStärken sind Andockpunkte, keine Deko
Die Stärkenliste ist kein Trostpflaster am Ende der Diagnostik, sondern die Grundlage der Förderung: Oles hohe Anstrengungsbereitschaft und seine kreativen, bildhaften Zugänge werden in den nächsten Schritten gezielt genutzt, um am Selbstkonzept und an der Selbstregulation zu arbeiten.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Selbstkonzept unterdurchschnittlich → bestätigt (SESSKO: sozial T 36 auffällig; FEESS: Selbstkonzept der Schulfähigkeit niedrig).
Geringe Frustrationstoleranz → bestätigt (Ausgangslage und Verhaltensebene: impulsive, reaktiv-aggressive Ausbrüche bei Überforderung).
Wenig Lernfreude → verworfen (FEESS Lernfreude T 55, oberer Normbereich, im Gegenteil eine Ressource).
Wenig Anstrengungsbereitschaft → verworfen (FEESS Anstrengungsbereitschaft T 57, ebenfalls eine Ressource).
Nicht integriert → nicht bestätigt (FEESS Soziale Integration unauffällig, ≈ T 48).
Problembereiche: (1) negatives schulisches Selbstkonzept; (2) geringe Frustrationstoleranz mit impulsivem, reaktiv-aggressivem Problemverhalten.
Stärken und Kompetenzen: hohe Anstrengungsbereitschaft und Lernfreude (FEESS); unauffällige soziale Integration; Kreativität und Vorstellungskraft; Empathie in vertrauten Kontexten; gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis; Konzentration bei Sicherheit.
7. Entwicklungsbedarfe
Deine Aufgabe
Leite aus der Beurteilung zwei bis drei vorrangige Förderbereiche ab, bewusst begrenzt.
Fachlicher HintergrundMelzer: Begrenztheit & Schwerpunkte
Ein Qualitätskriterium wirksamer Förderpläne (Melzer 2010) ist Begrenztheit: „Weniger ist mehr", also maximal zwei bis drei Förderbereiche. Ein Plan, der alles umfassen will, wird im Alltag nicht umgesetzt. Priorisiert wird nach Dringlichkeit und Veränderbarkeit.
Warum so?Bedarfe an Stärken ankoppeln
Die gewählten Bereiche docken an Oles Ressourcen an: Sein Zutrauen wächst über Erfolge nach individueller Bezugsnorm, seine Selbstregulation über klare, vorab vereinbarte Signale. Die Mathematik-Schwäche wird nicht ignoriert, aber nachgeordnet, denn erst Regulation und Selbstwert schaffen die Basis, um überhaupt wieder lernen zu können.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
1. Emotionale Selbstregulation / Frustrationstoleranz (Verhaltensebene).
2. Aufbau eines realistisch-positiven schulischen Selbstkonzepts, vor allem die Loslösung vom belastenden sozialen Vergleich.
Bewusst zurückgestellt: die isolierte Mathematik-Förderung. Schwerpunkt setzen heißt auch, nicht alles gleichzeitig anzugehen und Ole nicht zu überfordern.
8. Förderziele
Deine Aufgabe
Formuliere für die Förderbereiche zwei bis vier konkrete Ziele nach den SMART-Kriterien (spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminiert).
Warum so?SMART operationalisiert und macht evaluierbar
SMART zwingt dazu, ein Ziel so zu fassen, dass man am Ende eindeutig prüfen kann, ob es erreicht wurde. Die Messbarkeit koppelt das Ziel direkt an die Evaluation: „3 von 5 Situationen" ist über das DBR nachvollziehbar, „Ole soll ruhiger werden" nicht.
Aus der PraxisZiele nicht als Maßnahmen tarnen
Ein häufiger Fehler: eine Maßnahme als Ziel formulieren („Ole nutzt eine Ampelkarte"). Das Ziel beschreibt den angestrebten Zustand bzw. das Verhalten, die Maßnahme den Weg dorthin. Zum Schärfen der Formulierung hilft zmarty.online.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Selbstregulation: „Ole wendet in Überforderungssituationen im Mathematikunterricht innerhalb der nächsten 8 Wochen in mindestens 3 von 5 beobachteten Situationen eine vereinbarte Selbstregulationsstrategie (z. B. Signal-/Ampelkarte, Kurz-Auszeit) an, statt Gegenstände zu werfen." Messbar über das DBR.
Selbstkonzept: „Ole benennt am Ende jeder Mathematikstunde über 4 Wochen in einem Erfolgstagebuch mindestens einen eigenen Lernfortschritt." Individuelle Bezugsnorm.
9. Maßnahmen
Deine Aufgabe
Wähle pro Ziel mindestens eine (maximal zwei bis drei) möglichst evidenzbasierte Maßnahme und lege Zuständigkeit, Frequenz und Start fest.
Warum so?Am Aufrechterhaltungsmechanismus ansetzen
Eine Maßnahme wirkt nur, wenn sie am Mechanismus ansetzt, nicht am Symptom. Weil Oles Verhalten teils durch inkonsistente Konsequenzen aufrechterhalten wird (SORC), ist die Absprache mit der Lehrkraft über eine einheitliche Reaktion oft wirksamer als jede Einzelintervention beim Kind.
Fachlicher HintergrundWirksamkeit & individuelle Bezugsnorm
Bevorzugt werden Maßnahmen mit Wirksamkeitsnachweisen, siehe die Rubrik Was wirkt?. Die individuelle Bezugsnorm ist die gezielte Antwort auf den SESSKO-Befund: Ole wird an seinem eigenen Fortschritt gemessen und nicht am Klassendurchschnitt. Genau der Vergleich, der sein Selbstkonzept belastet, wird so entschärft. Fachlich geht es dabei um die Bezugsnormorientierung (Rheinberg): Lehrkräfte, die gewohnheitsmäßig individuell statt sozial vergleichen, schaffen nachweislich günstigere motivationale Bedingungen.
Aus der PraxisKonsistenz schlägt Intensität
Nicht die spektakulärste Maßnahme wirkt, sondern die, die verlässlich und einheitlich umgesetzt wird. Ein einfaches Ampelsystem, das alle konsequent anwenden, ist mehr wert als ein komplexes Programm, das nach zwei Wochen einschläft.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Zum Selbstregulationsziel: Signal-/Ampelkartensystem plus eine vorab vereinbarte Kurz-Auszeit; ein Token-/Verstärkerplan; Coaching/Absprache mit der Lehrkraft für eine konsistente Reaktion, was die inkonsistente Konsequenz aus der Bedingungsanalyse direkt adressiert.
Zum Selbstkonzeptziel: Erfolgstagebuch; konsequente Rückmeldung nach individueller Bezugsnorm statt sozialem Vergleich; Einbindung von Oles kreativen, bildhaften Stärken in den Matheunterricht (anschauliche Zugänge).
10. Durchführung
Deine Aufgabe
Reflektiere die Einführung: Wie besprichst du die Maßnahmen mit Ole? Welche Hindernisse antizipierst du, welche Chancen siehst du?
Fachlicher HintergrundMelzer: Verbindlichkeit & Unterrichtsrelevanz
Zwei Qualitätskriterien greifen hier: Verbindlichkeit entsteht über einen Förderkontrakt bzw. eine Zielvereinbarung (wer tut was bis wann). Unterrichtsrelevanz heißt: Die Förderung wird in den Unterricht integriert, denn „Förderplanung ist Unterrichtsplanung" und kein Zusatzprogramm nebenher.
Aus der PraxisPartizipation erhöht Akzeptanz
Ole an der Vereinbarung zu beteiligen, ihn also die Signalkarte mitgestalten und Erfolge selbst eintragen zu lassen, erhöht die Akzeptanz deutlich. Über den Kopf des Kindes hinweg geplante Maßnahmen verpuffen häufig.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Ziele und Maßnahmen werden mit Ole in einer Zielvereinbarung / einem Förderkontrakt besprochen. Das schafft Verbindlichkeit und Partizipation.
Hindernisse: die Konsistenz im Schulalltag, die Akzeptanz durch Ole, der noch laufende Beziehungsaufbau der neuen Lehrkraft.
Chancen: die Stärkenorientierung und kleine, schnell sichtbare Erfolge, die Oles Zutrauen stützen.
11. Evaluation
Deine Aufgabe
Lege pro Ziel fest, woran du Zielerreichung erkennst, mit welchem Instrument du misst, wann und wie oft, und wer verantwortlich ist.
Fachlicher HintergrundVerhaltensfortschrittsmessung & Fortschreibung
Das DBR ist eine ökonomische Verlaufsmessung: viele kleine Einschätzungen über die Zeit, aus denen sich ein Trend ablesen lässt (siehe das Statistik-Kapitel Lernverlaufsdiagnostik). Für Melzer ist die Evaluation die Grundlage der Fortschreibung. Ihre Leitfragen: Ist das Ziel erreicht? Wurde die Maßnahme wie geplant umgesetzt? Warum (nicht)? Wie geht es weiter?
Warum so?Die Evaluation schließt den Kreis
Evaluation ist kein Anhängsel, sondern der Rückbezug auf die SMART-Ziele aus Schritt 8: Nur messbar formulierte Ziele sind überhaupt evaluierbar. Damit schließt sich der Kreis von der Ausgangslage über Diagnostik und Zielsetzung bis zur überprüften Wirkung, und beginnt bei Bedarf von vorn. Ob die statistischen Grundlagen dahinter sitzen, kannst du im Statistik-Quiz prüfen.
Mögliche Lösunganzeigenausblenden
Selbstregulationsziel → DBR (Direct Behavior Rating): tägliche Einschätzung auf einer Skala 0–10, Baseline vs. Interventionsphase (der Ole-Bogen aus der Fallmappe). Kriterium: Zielwert in ≥ 3 von 5 Situationen erreicht. Verantwortlich: die Klassenlehrkraft.
Selbstkonzeptziel → Auswertung des Erfolgstagebuchs; optional ein SESSKO-Retest nach einem Halbjahr mit Fokus auf die Skala „sozial". Ob eine Veränderung echt ist, entscheidet sich dann an den Konfidenzintervallen beider Messungen und nicht an der Differenz der Punktwerte.
Zeitabstände: engmaschig laufend (DBR) plus eine zusammenfassende Fortschreibung nach etwa 4 Monaten, bei komplexer Problemlage auch kürzer.